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Wandern über Ländergrenzen Fischotterschutz im deutsch-tschechischen Grenzgebiet

Berit Künzelmann, Madlen Schimkat

Kaum jemand bekommt ihn in freier Natur zu Gesicht: den Fischotter. Denn die nachtaktiven Tiere sind heimliche Gesellen. Dabei sind sie sehr mobil, legen weite Strecken zurück und machen auch an Ländergrenzen nicht halt. Woher die Otter kommen und wohin sie ziehen, interessiert auch die Experten im sächsisch-tschechischen Kooperationsprojekt „Lutra lutra“. Und so begeben sie sich auf die Spur des Otters …

 

Der Fischotter – Vorkommen und Gefährdung

Als größter einheimischer Marder besiedelt der Fischotter sowohl Land- als auch Wasserhabitate. Die Raubtiere sind ausgezeichnete Schwimmer und perfekt an ein Leben in und am Wasser angepasst. Schwimmhäute zwischen den Zehen und der lang gestreckte Körper erlauben ihm, sich im Wasser elegant und geschickt fortzubewegen. Der bis zu 40 Zentimeter lange Schwanz dient dabei als Steuerorgan. Mit seinem dichten, braun gefärbten Pelz ist der Fischotter optimal vor Kälte und Nässe geschützt. Ein wichtiges Sinnesorgan sind die langen Tasthaare an der Schnauze, die ihm helfen, sich auch im trüben Wasser zurechtzufinden. Fischotter können vom Kopf bis zum Rumpf eine Länge von 90 Zentimetern erreichen und ein ausgewachsenes Männchen kann bis zu zwölf Kilogramm auf die Waage bringen. Der bevorzugte Lebensraum sind flache Flüsse mit stark bewachsenen Uferzonen und Überschwemmungsebenen. Der Fischfresser wurde jedoch lange als Nahrungskonkurrent des Menschen sowie als Pelzlieferant bejagt. Auch die sich häufenden Eingriffe in seinen Lebensraum, wie zum Beispiel durch Flussregulierung oder die Verschmutzung von Gewässern, führten zu einem starken Bestandsrückgang, so dass er bis zur Jahrtausendwende in weiten Teilen Deutschlands ausgestorben war. In Sachsen galt er zu diesem Zeitpunkt als vom Aussterben bedroht (Kategorie 1 der Roten Liste). Im benachbarten Teil Tschechiens sind für den Fischotter vor allem das geringe Nahrungsangebot der Gebirgsbäche sowie die Verschmutzung der Tieflandflüsse problematisch.

Erfreulicherweise konnten dank seines strengen Schutzes in den letzten Jahrzehnten wieder positive Bestandsentwicklungen festgestellt werden. Heute gilt der Fischotter bei uns „nur noch“ als eine in ihrem Bestand gefährdete Tierart (Kategorie 3 der Roten Liste). So ist die Art längst zum Symbol einer naturnahen und lebendigen Flusslandschaft avanciert.

In Sachsen liegt das Hauptverbreitungsgebiet in der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft; viele weitere Nachweise liegen zudem für die südliche Oberlausitz, die Sächsische Schweiz, das Osterzgebirge und das mittel- und westsächsische Tief- und Hügelland vor. Damit nimmt Sachsen eine bedeutende Verbindungsstelle zwischen den Kernpopulationen im norddeutschen Tiefland und den tschechischen Vorkommen im Süden ein. 

Das Projekt „Lutra lutra“ – Sächsisch-tschechische Kooperation

„Gemeinsam für Sachsen und Tschechien“ lautet der Leitspruch des Kooperationsprogrammes zur Förderung der grenzübergreifenden Zusammenarbeit zwischen dem Freistaat Sachsen und der Tschechischen Republik 2014-2020. Da der Fischotter an den Erzgebirgsbächen und -flüssen beiderseits der deutsch-tschechischen Grenze vorkommt und von den Lebensraumbedingungen in beiden Ländern abhängig ist, wurde im Oktober 2017 das Projekt „Lutra lutra“ ins Leben gerufen. Bei diesem arbeiten das NABU-Naturschutzinstitut Dresden, der Verein ALKA Wildlife in Lidéřovice und das Museum der Stadt Ústí nad Labem im Schutz für den Fischotter eng zusammen. Das Projekt wird von der Europäischen Union mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert.

Das übergeordnete Ziel ist die Analyse und Bewertung der Fischottervorkommen sowie ihrer Lebensräume im deutschen und tschechischen Projektgebiet und darauf aufbauend die Stärkung grenzübergreifender Fischotterpopulationen.

Untersuchungsgebiet

Die Projektaktivitäten erstrecken sich über die Landeshauptstadt Dresden und die sächsischen Landkreise Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Mittelsachsen und Erzgebirgskreis. In Tschechien wird das Projekt in der großflächigen Aussiger Region (Ústecký kraj) umgesetzt.

Für die repräsentativen Untersuchungen zur Verbreitung und Lebensraumeignung des Fischotters wurde in Sachsen eine Gesamtstrecke von 833 Kilometern Fließgewässerlänge ausgewählt, um ein repräsentatives Bild über potenzielle Ausbreitungskorridore des Fischotters zu erhalten.

Aus unserer Arbeit – Vor Ort aktiv

Zur Erhebung des Bestandes und der Verbreitung des Fischotters werden die ausgewählten Fließgewässer im Projektzeitraum jährlich auf Nutzungsspuren des Fischotters, wie beispielsweise Kotspuren und Trittsiegel, untersucht. Auch Wildkameras und winterliche Spurensuchen im Schnee kommen zum Einsatz.

Um Migrationshindernisse und Gefährdungsstellen zu identifizieren, werden Brücken, Wehre und andere Ausbreitungsbarrieren dokumentiert und hinsichtlich ihrer Gefährdung für querende Otter eingestuft. Ausschlaggebend sind hierbei Merkmale wie die Art der Ausbreitungsbarriere, das Vorhandensein von Uferrandstreifen oder Bermen sowie der Straßentyp.

Der dritte Erfassungsschwerpunkt liegt in der Analyse des Lebensraumes der Tiere. Um Aussagen darüber treffen zu können, ob und wie ein Gewässer als Lebensraum für den Fischotter geeignet ist, werden negative Parameter wie beispielsweise Gebäude, Zäune oder fehlende Vegetation und positive Merkmale wie Inseln oder umgestürzte Bäum an Bächen und Flüssen erfasst.

Zur Verbesserung der Lebensbedingungen und der Ausbreitungsmöglichkeiten werden im sächsischen Gebietsteil zudem geeignete Maßnahmen aus den Komplexen Querungshilfen, Ökologisierung Gewässernetz sowie Lebensraumaufwertung von Land- und Trittsteinbiotopen zusammengestellt. 

Ergebnisse

Spannend kann auch die Auswertung der erfassten Daten sein. Im Ergebnis der bisherigen Arterfassung lässt sich erfreulicherweise feststellen, dass Fischotter im Gebiet regelmäßig vorkommen. An 55 Prozent der Kreuzungsstellen (263 von 472) waren zwar keine Besiedlungsspuren feststellbar, jedoch wurde an 209 Stellen (45 Prozent) Fischotterlosung verschiedener Kategorien (sehr frisch, frisch oder alt) vorgefunden (siehe Abb. 1). An keinem der untersuchten Gewässer fehlte die Art völlig.

Des Weiteren wurde an bachquerenden Brücken die Gefährdung für wandernde Fischotter bewertet, wobei nur an 63 Stellen (ca. 13 Prozent) von den 470 untersuchten Brücken eine große Gefahr für den Fischotter festgestellt wurde. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn unter der Brücke keine natürlichen Uferstreifen oder Bermen vorhanden sind und wandernde Fischotter den Weg über die Straße nehmen müssen. Positiv ist, dass bei 328 Brücken (70 Prozent) nur eine geringe Gefährdung vorliegt (siehe Abb. 2).

  Erste Lebensraumaufwertungen sind inzwischen erfolgt. So wurde auf 1.000 m² Uferfläche Drüsiges Springkraut (Impatiens glandulifera) – ein invasiver Neophyt – entfernt, um zur Gewässerökologisierung beizutragen. Zudem konnten zwei in unmittelbarer Bachnähe liegende, verlandete und trockengefallene Teiche revitalisiert werden. 

Grafik: Jan Schimkat
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Grafik: Jan Schimkat

Öffentlichkeitsarbeit

Ein wichtiges Anliegen des Projektes ist es, die Bevölkerung für den Fischotter und seinen Schutz zu sensibilisieren. Dazu präsentieren wir das Projekt, dessen Inhalte und die Belange des Fischotters auf vielfältige Weise. Zur Auftaktveranstaltung am 11. April 2018 wurde Behördenvertretern, ehrenamtlichen Naturschützern und interessierten Bürgern in einem anspruchsvollen, bilingualen Programm das Projekt vorgestellt. Zudem sind eine Reihe an zweisprachigen Informationsmaterialien, wie ein Roll-up, Infoposter und zwei Projektflyer, sowie Fachpublikationen entstanden.

Im Projektverlauf informieren wir regelmäßig in Vorträgen, beispielsweise in Fachgruppen von Vereinen und Verbänden sowie auf gesamtdeutschen Fachveranstaltungen (zum Beispiel bei der Tagung „Otterschutz in Deutschland“) über das Projekt, die laufenden Aktivitäten und die Ergebnisse. An der TU Dresden wurden die Besonderheiten der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit im Rahmen einer Vorlesung vorgestellt.

Auf unserer Internetseite informieren wir fortlaufend über das Projekt und aktuelle Termine. Schauen Sie doch mal vorbei: www.nsi-dresden.nabu-sachsen.de/projekte/lutra-lutra/ 

Ausblick

Nach einem Jahr Projektarbeit haben wir neue Erkenntnisse zur Verbreitung des Fischotters, der Qualität seiner Lebensräume und potenziellen Gefährdungsstellen im Projektgebiet gewonnen. Die Entwicklung der bereits umgesetzten Lebensraum­­­maßnahmen werden wir weiterhin begleiten sowie neue umsetzen.

In den folgenden Jahren wird die Erfassung zur Verbreitung des Fischotters unter anderem durch Spurensuche im Schnee weitergeführt und die Erfassung der Lebensraumqualität weiter ausgedehnt. Das Kooperationsprojekt „Lutra lutra“ ist auf drei Jahre angelegt und wird noch bis 2020 fortgeführt.

Wollen auch Sie dem Fischotter helfen?

Kennen Sie im Projektgebiet geeignete Stellen, wo wir für den Fischotter aktiv werden können? Oder haben Sie selbst einen Teich mit Aufwertungspotenzial? Melden Sie sich bei uns! Gerne setzen wir Maßnahmen gemeinsam mit Ihnen um.

Viele Augen sehen mehr… Haben Sie einen Fischotter gesehen? Dann melden Sie es uns! Die Meldung von überfahrenen Tieren sollte zunächst an die jeweilige Untere Naturschutzbehörde erfolgen; an einer Information darüber sind natürlich auch wir interessiert. 

Weitere Informationen zum Projekt und Aktuelles zu Veranstaltungen und Vorträgen finden Sie unter:

www.nsi-dresden.nabu-sachsen.de/projekte/lutra-lutra

www.alkawildlife.eu

www.vydryonline.cz

www.muzeumusti.cz/de

 

AG Naturschutzinstitut Region Dresden e. V. Weixdorfer Str. 15 | 01129 Dresden nsi-dresden_at_naturschutzinstitut.de


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