NSI DresdenProjekteBemühungen zum Schutz des Kiebitzes bei Dresden

Gibt es eine Zukunft für Kiebitz & Co. in Sachsen?

Bemühungen zum Schutz des Kiebitzes bei Dresden

Der Kiebitz (Vanellus vanellus) – und nicht nur er – ist in Sachsen stark gefährdet; sein Bestand ging in den letzten 20 Jahren im Freistaat um mehr als 50 Prozent zurück. Ähnlich negativ verläuft die Bestandsentwicklung auch bei anderen Vogelarten der Feldflur. Die Intensität landwirtschaftlicher Nutzungen, der Verzicht auf Stilllegungen, der verstärkte Umbruch von Grünland und der zunehmende Anbau von Energiepflanzen verschärfen die Situation für viele Offenlandvögel. Die Bestandsentwicklung eines Drittels der Vogelarten der Agrarlandschaft Deutschlands zeigt einen negativen Langzeittrend (vgl. Broschüre „Vögel in Deutschland 2011“ des Bundesamtes für Naturschutz und des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten). Die stärksten Rückgänge sind bei den Offenund Halboffenlandarten Turteltaube, Baumpieper, Gelbspötter, Star, Girlitz, Bluthänfling, Stieglitz, Feldlerche und Kiebitz festzustellen. Auch Siedlungsdichte-Untersuchungen des NABU-Naturschutzinstitutes (NSI), Region Dresden, auf langjährigen Testflächen in Sachsen belegen Bestandsrückgänge oder eine sehr niedrige Siedlungsdichte von typischen Vögeln der Agrarfluren, insbesondere von Bodenbrütern. 

Anstrengungen des NSI Dresden zur Sicherung und Entwicklung von Kiebitzbrutplätzen

Seit 2011 ist das NSI Region Dresden aktiv, um auf den Freiflächen der Landeshauptstadt Dresden die untere Naturschutzbehörde beim praktischen Artenschutz von Offenlandarten zu unterstützen. Die Erfassung der Kiebitzbrutplätze erfolgt auf einem Teil der Flächen gewissermaßen als lokale Initiative des gesamtsächsischen Bodenbrüterprojektes, das auf Beschluss des Sächsischen Landtages vom 14.11.2008 aufgelegt wurde. Zudem geht es auf den Dresdner Flächen darum, auch potenzielle Bruthabitate zu ermitteln, um im Frühjahr Kiebitzbrutplätze kurzfristig auffinden und sichern zu können. Dabei weisen sich zum Teil auch Schläge als potenzielle Habitate aus, die zwar zur Brutzeit bislang nicht besetzt waren, aber während der Zugzeit von Kiebitzen frequentiert wurden. Die Nutzung als Rasthabitat lässt auf eine mögliche frühere Nutzung zur Brut, zumindest aber auf eine Bevorzugung dieser Flächen aufgrund diverser Parameter schließen. Das können zum Beispiel Bodenfeuchte, Nahrungsverfügbarkeit oder Flächenlage sein. Die Kenntnis und der Schutz solcher Rasthabitate sind ein wichtiger Baustein im Artenschutz. Das NSI hat daher Vorschläge dafür unterbreitet, wie die Potenzialflächen optimal gestaltet werden können, um langfristig Erfolge im lokalen Kiebitzschutz zu erreichen und die Bestände zu erhalten. Der jährliche Handlungsbedarf zur Brutplatzsicherung im Frühjahr soll damit minimiert werden. Im Rahmen der Kartierung wurden auf dem Stadtgebiet von Dresden die Ackerflächen mit Eignung als Kiebitzhabitat in eine Liste aufgenommen und häufiger kontrolliert als die übrigen. Zur Einstufung als Potenzialfläche waren folgende Parameter wertgebend: Vernässung, Senkenlage mit abweichender Vegetation zum Restschlag, brutwillige Kiebitze zur Brutzeit, rastende Kiebitze zur Zugzeit. Es zeigte sich, dass die Ackerflächen im südlichen Dresden überwiegend ungeeignet für Kiebitze sind. Im Dresdner Norden dagegen trifft man Kiebitze häufiger an, was offensichtlich an den für den Kiebitz günstiger strukturierten Ackerflächen liegt. Ein „Optimalhabitat“ auf einer im bewirtschafteten Gebiet liegenden Fläche könnte folgendermaßen gekennzeichnet werden:

  • vernässter Senkenbereich, der bis mindestens Mitte Mai feuchte Bereiche aufweist
  • Bodenoffenheit zur Zeit der Ankunft der Kiebitze im März
  • langsam wachsende, nicht bodendeckende Vegetationsschicht
  • Angrenzendes Grünland oder höher gewachsene Kultur, die nach dem Schlupf der Jungen diesen Unterschlupf bieten.

Grundlegend wichtig ist, dass ausgesparte und vernässte Flächen nicht generell stillgelegt werden, sondern dass jährlich eine Grundbodenbearbeitung – möglichst im Frühjahr bis Ende März, alternativ im Herbst – stattfindet. 

Chancen und Grenzen der lokalen Initiative für den Kiebitz

Künftig soll auf den Dresdner Fluren vorrangig mit Maßnahmen zur Habitatgestaltung und Anpassungen im Bewirtschaftungsmanagement versucht werden, diesem Idealbild möglichst nahezukommen. Folgende Maßnahmen eignen sich, einzeln oder auch in Kombination, um Ackerflächen oder Teilbereiche kiebitzgerecht zu gestalten: 

 Maßnahmen:

  • Anbau von Sommergetreide
  • Anbau niedrighalmiger Sorten von Wintergetreide
  • Angepasste Maisbestellung bis Ende März
  • Aufreißen des Bodens durch Grubbern, Scheiben oder Pflügen vorrangig im Frühjahr (ersatzweise im Herbst)
  • Herstellung und Erhaltung von Grünland, jährliche Mahd (ersatzweise Mulchen) im Herbst
  • Abstecken nachgewiesener Nester (nur wenn Gefahr durch Bearbeitung besteht) im Frühjahr
  • Versetzen von Nestern während der Bearbeitung
  • Die Umsetzung solcher Maßnahmen kann über das Bodenbrüterprojekt, die Förderrichtlinie des Freistaates, mithilfe freiwilliger Leistungen und im Rahmen des gesetzlich gegebenen Brutplatzschutzes erfolgen.

Das NSI Dresden arbeitet bei diesem Projekt eng mit der Sächsischen Vogelschutzwarte e. V. zusammen, die in den letzten Jahren über das sächsische Bodenbrüterprojekt zahlreiche Flächen für den Kiebitz gesichert und viele Erfahrungen gesammelt hat. Diese müssen nun möglichst umfassend in vielen Gebieten Sachsens genutzt werden, um damit eine Verbesserung des schlechten Erhaltungszustandes des Kiebitzes und anderer Vogelarten der Feldflur zu erreichen. Denn so lobenswert der praktische Ansatz und die Erfolge des seit nunmehr vier Jahren laufenden sächsischen Bodenbrüterprojekts auch sind – das Programm ist in seiner Ausdehnung noch viel zu eingeschränkt, um eine wirksame Veränderung in der landwirtschaftlichen Praxis und damit dauerhaft eine nachhaltige positive Wirkung auf die landesweiten Bestände der Zielarten zu erreichen. Änderungen aus ökologischer wie auch aus langfristiger ökonomischer Sicht sind dringend notwendig. Denn tatsächlich gefährdet die aktuelle landwirtschaftliche Praxis nicht nur die biologische Vielfalt, sondern durch die Degradierung der Böden und ihrer Ökosystemleistungen auch unsere künftige Versorgungssicherheit erheblich. Jährlich verliert Deutschland durch Erosion zwanzigmal mehr fruchtbaren Boden, als sich nachbilden kann. Ein wesentlicher Faktor dabei ist die Intensivierung der Landwirtschaft. Darauf hat das Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland (NeFo), eine Kommunikationsplattform für Wissenschaftler und Anwender von Wissen zur biologischen Vielfalt, hingewiesen. „Analysen des Bodens als Substrat für die Agrarproduktion zeigen, dass wir schon heute unseren Bedarf an Agrarprodukten nicht mehr mit unseren europäischen Ackerböden allein decken können“, erklärt die Berlin- Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Zudem deuten die bisherigen Ergebnisse der Klimaforschung darauf hin, dass der Klimawandel die schon heute stark negativen Auswirkungen der intensiven Landnutzung künftig verstärken wird. Die Berechnungen belegen aber auch, dass der Einfluss der Landnutzungsintensivierung auf die biologische Vielfalt denjenigen des Klimawandels noch deutlich übersteigt.

 

Neben reinen Artenschutzmaßnahmen und einer intensiven Beratung der Agrarbetriebe hinsichtlich einer tier- und naturfreundlicheren Landwirtschaft müssten umgehend breite, zusammenhängende Naturschutzkorridore geschaffen werden, die sich sowohl durch die Agrarlandschaft als auch durch Wälder und entlang von Flüssen und Auen ziehen. Dazu könnte die vom Freistaat Sachsen bis 2015 geplante Schaffung eines landesweiten Biotopverbundsystems einen großen Beitrag leisten


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